
TRIBUNE LOTFI AOULAD | MARCH 2026
Diaspora Wonderland: Fashioning Worlds
Es gibt Städte, für die entscheidet man sich.
Andere entscheiden sich für dich.
Und dann gibt es Berlin.
Berlin zog mich während eines grauen Winters 2023 in seinen Bann. Damals koordinierte ich den UNESCO Bericht über die Modeindustrie in Afrika und war anlässlich der Berlin Fashion Week in der Stadt. Fasziniert von der kreativen Dynamik des afrikanischen Kontinents verspürte ich den Wunsch, die europäische Szene jenseits der etablierten Kreise zu erkunden, um nach neuen Anknüpfungspunkten zu suchen. Deutsch hatte ich in der Schule gelernt, eine Sprache, die in einer Ecke meines Gedächtnisses schlummerte.
Ich hatte exzentrische Modeshows in verlassenen Bunkern erwartet. Stattdessen begegnete ich einer Stadt, die durch den Körper denkt. Die Stadt erzählt sich durch ihre Grenzräume und findet stets neue Wege kreativ zu sein, fernab von Geboten der Inszenierung und Öffentlichkeitswirksamkeit. In Ateliers, besetzten Häusern, Galerien, unabhängigen Showrooms und auf der Straße entdeckte ich die Mode der Stadt. Buki Akomolafe, Buzigahill, GmbH, Kenneth Ize, Namilia, Orange Culture, Sia Arnika, Société Angelique und andere. Designer:innen, viele von ihnen in verschiedenen Diasporen verankert, erzählten von Exil, Freude, Erneuerung, Begegnung und Hoffnung. Ich komme selbst aus der französisch-marokkanischen Diaspora und war auf der Suche nach einem kulturellen Raum, wo ich einfach nur sein konnte. In diesen Tagen fühlte ich mich als Berliner, fast wie in einer Kennedy’schen Fantasie, nur dieses Mal in einer diskreten Bar in Neukölln, umgeben von Silhouetten in urbaner Mode.
Jacques Attali schrieb einst, dass Lärm eine Form von Gewalt ist und Musik eine Prophezeiung, in deren Tönen man die Zukunft von Gesellschaften erkennen könne. Was wäre, wenn Mode über eine ähnliche Kraft verfügte? Sich zu kleiden wäre dann eine instinktive Geste, eine Art, die Gegenwart zu erspüren, sich auf das vorzubereiten, was kommt, und es immer wieder aufs Neue zu wagen, das eigene Dasein auszukosten.
Mode ist zugleich ein Zeichen von Macht und von Grenzsetzungen. Von Gesetzen, die während der Renaissance den Zugang zu bestimmten Stoffen regulierten, bis hin zu zeitgenössischen Kleidungsvorschriften und Verboten, diente Mode häufig als Instrument der sozialen Kontrolle – doch sie kann auch Befreiung ermöglichen: In Form von geschlechtsneutraler Kleidung, die sich identitären Zuschreibungen widersetzt, oder durch nachhaltige Praktiken wie Recycling, die sich gegen ausbeuterische Produktionssysteme stellen und sie herausfordern.
Lange hielten die ,schönen Künste‘ Abstand von der Mode, die ihrerseits jedoch immer im Dialog mit Architektur, Film, bildender Kunst, Musik, Literatur und natürlich der Handwerkskunst stand. Mode beleuchtet unsere intime Beziehung zu unserem Körper, zum Ort, an dem wir uns befinden und zu der Zeit, in der wir leben. Sie baut auf kulturellen Praktiken und überliefertem Wissen auf und wird kontinuierlich durch Innovation transformiert. Sie macht Kulturen, Erinnerungen, Spannungen und Sehnsüchte sichtbar und prägt die Art und Weise, wie Körper sich im sozialen Raum inszenieren. Mode spricht von der Welt und erzählt ihr gleichzeitig, wer wir sind.
Jede:r Designer:in interpretiert eine Geste, eine Praxis, ein Material durch das, was sie oder ihn persönlich bewegt. Mode wird zu einem Medium der Sinneswahrnehmung, das Verschiebungen von Identität, Geschlecht, Sinnlichkeit, Erbe und Fantasie zum Vorschein bringen kann. Es ist kein Zufall, dass die Mode heute Generationen grenzüberschreitender Künstler:innen anzieht, die in ihr einen Raum für kollektive und persönliche Geschichten entdecken. Dabei geht es nicht mehr allein darum, ein Kleidungsstück zu entwerfen, sondern darum, ein ganzes Universum sichtbar zu machen.
In diesem Kontext entstand Diaspora Wonderland, eine Wanderausstellung, die verschiedene Modemetropolen bereist und eine Generation von Künstler:innen der afro-mediterranen Diaspora zeigt, die ihre Geschichten durch Mode erzählen. Kinder des Exils wachsen mit Erzählungen von zurückgelassenen Ländern auf, weitergegeben von Eltern, die selbst fern von diesen Orten und den Entwicklungen dort leben. Aus dieser Fragmentierung entstehen kraftvolle Fantasien, die weit über sie hinaus geteilt werden. So impliziert auch der Begriff Diaspora, aus dem griechischen speiro –säen, weit mehr als nur die Zerstreuung. Er steht für Bindung, Verwurzelung und Verwundung aber vor allem für den Akt der Schöpfung. Aus der Spannung des Exils zwischen Verlust und Neuerfindung entstehen Wunderländer: Gebiete, wo Identitäten, Wünsche und Erinnerungen ineinandergreifen. Durch Mode, Design, bildende Kunst, Musik und Geschichten nimmt uns Diaspora Wonderland mit auf eine Reise durch diese imaginierten Territorien, die reale Grenzen überwinden.
Die monumentalen Textilinstallationen, die Margaux Derhy in Zusammenarbeit mit Frauengemeinschaften in Marokko geschaffen hat, knüpfen eine Verbindungslinie zwischen durch das Meer getrennten Ufern. Sie beschwören die Gestalt ihrer Großmutter Lydia herauf – einer Frau, die am Rand der offiziellen Geschichtsschreibung blieb – und würdigen all jene im Verborgenen, die dazu beitragen, die Welt zu tragen. Eine gemeinsam mit einem Kollektiv von Amazigh-Frauen in Sidi R’bat gestickte schwebende Figur verkörpert die gespenstische Präsenz vergessener Frauen, deren Namen und Gesten selten aufgezeichnet wurden, die jedoch sowohl in Margaux Derhys Werk als auch in den Werken einer ganzen Generation von Künstler:innen nachwirken.
Der Rapper und Filmemacher NIX beschäftigt sich mit kulturellem Erbe, dem Platz der Liebe und der Bedeutung menschlicher Lebenswege. Worte werden zu visuellem und akustischem Material und erweitern die Erzählung um Bilder und Kleidungsstücke. Der in der Ausstellung gezeigte Kurzfilm wurde in einem Dorf im Senegal gedreht und markiert eine Bewegung des Rückzugs – eine instinktive Geste der Neuausrichtung. NIX isoliert sich in Casamance, auf dem Land seiner Vorfahren, um sich wieder mit seiner Spiritualität und Identität zu verbinden, die er als Quellen seiner Inspiration betrachtet. Dennoch bleibt eine Leere bestehen, als hinge ein wesentlicher Teil dieser Inspiration von einem fehlenden Fragment dieses Wunderlandes ab.

KINDERWERKE @LERELAIS FESTIVAL 2018
Der Film lässt die Zuschauer in die Gedanken und Erinnerungen eines Künstlers eintauchen, der versucht, sich aus den Fragmenten, die ein Bruch hinterlassen hat, neu zu konstruieren, wobei Liebe sowohl als treibende Kraft als auch durch Abwesenheit spürbar ist. Er hebt eine kleidungsbezogene Ästhetik hervor, die sich an der Schnittstelle zwischen Tradition, Kostüm und zeitgenössischer urbaner Mode befindet und die Spannung zwischen Illusion und Realität aufzeigt.
Sarah Makharines Arbeit hinterfragt Intimität als Raum kollektiver Erzählung. Versunkene Körper, mütterliche Figuren und das Meer begegnen einander in Installationen, die Fragen von Überlieferung und Exil nachgehen. Eine Fotografie der im Meer schwimmenden Mutter der Künstlerin steht im Dialog mit einem Bild der Künstlerin selbst bei einem spirituellen Bad – der Mikwe. Diese rituelle Geste spiegelt ein spirituelles und kulturelles Vermächtnis wider, das von Mutter zu Tochter weitergegeben wird, so wie auch der Bezug der Künstlerin zur Mode – ebenfalls weitergetragen von ihrer Mutter, die in einem Textilgeschäft arbeitete.
Ihre enge Beziehung zu Körper und Material führte Sarah Makharine dazu, ihren künstlerischen Erkundungen in den Sphären der Modeindustrie nachzugehen. Die Bildserie endet mit Mariée du Kosovo, einer in Kosovo aufgenommenen Fotografie. Eine Braut in einem traditionell bestickten Kleid steht für eine grundlegende Dreifaltigkeit – die Mutter, das Meer, die Hochzeit – aus der die Künstlerin ein Bilduniversum entwickelt, das sich um Körper und Kleidung dreht. Die Figur der Braut verweist auf die Codes der Modenschau, in denen das Brautkleid traditionell den Abschluss und den Höhepunkt des Laufstegs markiert.
In Zoubida zeigt Sophia Kacimi eine Neuinterpretation marokkanischer Innenraumtextilien – ihre persönlichen ,Madeleines de Proust‘ – durch eine von ihrem Leben in London geprägte Popästhetik. Indem sie diese Stoffe aus dem häuslichen in den öffentlichen Raum bringt und dabei auf die Figur der Puppe zurückgreift, kehrt sie zurück in ihre Kindheit und in das Bekleidungsgeschäft der Mutter, wo sie als Kind viel Zeit verbrachte. Ihre Arbeit wurde in Zusammenarbeit mit Handwerker:innen entwickelt und präsentiert einen sinnlichen, spielerischen und ausdrücklich generationenübergreifenden Ansatz zu Textilien. Spiel wird hier zum Werkzeug, mit dem Handwerkskunst, Erinnerung und kollektives Schaffen aktiviert werden können. Die Installation besteht aus drei monumentalen Puppen – Malika, Ben Malika und Bint Malika – die aus stapelbaren kubischen Modulen aufgebaut sind. Köpfe, Körper und Füße können gedreht werden, wodurch wechselhafte Charaktere und instabile Identitäten entstehen. Die Form widersteht jeder Festschreibung: Bedeutung, Hierarchie und Erzählung bleiben offen für Neuzusammensetzungen.
Kombiniert aus Textilien aus früheren Zoubida-Kollektionen, fungieren die Stoffbezüge der Figuren als materielle Archive, die von Gesten, Gebrauch und Körpern gezeichnet sind. Durch Patchwork und Collage neukonstruiert, setzen sie ein Statement gegen die Produktion von Abfall, um Kontinuität in den Mittelpunkt zu stellen. Wie russische Matrioschkas agieren die drei Figuren als miteinander verflochtene Generationen – weder individuell noch symbolisch, sondern relational. Spiel wird zur Einmischung: Bedeutung entsteht erst durch Beteiligung.
Die in Berlin lebende deutsch-nigerianische Designerin Buki Akomolafe gewährt in Buki: Behind the Scenes einen Blick hinter die Kulissen ihres kreativen Schaffens. Zeichnungen, Materialien, Bilder und Kleidungsstücke zeugen von ihrer persönlichen Geschichte und der Beharrlichkeit, die es braucht, um in Berlin künstlerisch tätig zu sein. Aus diesen biografischen und kreativen Fragmenten entsteht eine Bildsprache, in der Mode zugleich als Zuflucht, als Bestätigung und als Projektion existiert.
Wir kehren zurück nach Berlin. Als Stadt der Wiedervereinigung bietet sie ein Experimentierfeld frei von bestimmten Normen, die gemeinhin mit etablierten Modemetropolen assoziiert werden. Berlin ist eine somatische Stadt. Sie trägt die Narben der Geschichte in sich, die Brüche des Krieges und den Wunsch nach Wiederaufbau. Hier kann Mode zu dem werden, was sie in ihrem Kern ist: ein hybrides Feld, in dem sich Tradition und Innovation verschränken und andere Möglichkeiten des In-der-Welt-Seins aufzeigen.
Lotfi Aoulad
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ÜBER LOTFI AOULAD
Zunächst Anwalt, später Berater für öffentliche Politik – sein Werdegang ist geprägt von dem Wunsch, verschiedene Welten zu durchqueren: von den Vororten von Saint-Denis über internationale Institutionen bis hin zu selbstverwalteten Gemeinschaften im ländlichen Raum sowie zu Krankenhaus- und Gefängniseinrichtungen. Im Jahr 2024 wurde er nach einer einjährigen Ausbildung an der Maternité des Lilas als Doula für Geburtsbegleitung zertifiziert. Er ist Mitglied des Vorstands der Organisation Rêv'Elles. Außerdem war er Co-Direktor der Zeitschrift für mediterrane Literatur Nejma und unterstützt mehrere Initiativen in den Bereichen Kunst und Mode. Er ist Mitglied des Expertengremiums für den Modepreis der Arabischen Welt.
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Ich hatte exzentrische Modeshows in verlassenen Bunkern erwartet. Stattdessen begegnete ich einer Stadt, die durch den Körper denkt. Die Stadt erzählt sich durch ihre Grenzräume und findet stets neue Wege kreativ zu sein, fernab von Geboten der Inszenierung und Öffentlichkeitswirksamkeit. In Ateliers, besetzten Häusern, Galerien, unabhängigen Showrooms und auf der Straße entdeckte ich die Mode der Stadt. Buki Akomolafe, Buzigahill, GmbH, Kenneth Ize, Namilia, Orange Culture, Sia Arnika, Société Angelique und andere. Designer:innen, viele von ihnen in verschiedenen Diasporen verankert, erzählten von Exil, Freude, Erneuerung, Begegnung und Hoffnung. Ich komme selbst aus der französisch-marokkanischen Diaspora und war auf der Suche nach einem kulturellen Raum, wo ich einfach nur sein konnte. In diesen Tagen fühlte ich mich als Berliner, fast wie in einer Kennedy’schen Fantasie, nur dieses Mal in einer diskreten Bar in Neukölln, umgeben von Silhouetten in urbaner Mode.
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Lange hielten die ,schönen Künste‘ Abstand von der Mode, die ihrerseits jedoch immer im Dialog mit Architektur, Film, bildender Kunst, Musik, Literatur und natürlich der Handwerkskunst stand. Mode beleuchtet unsere intime Beziehung zu unserem Körper, zum Ort, an dem wir uns befinden und zu der Zeit, in der wir leben. Sie baut auf kulturellen Praktiken und überliefertem Wissen auf und wird kontinuierlich durch Innovation transformiert. Sie macht Kulturen, Erinnerungen, Spannungen und Sehnsüchte sichtbar und prägt die Art und Weise, wie Körper sich im sozialen Raum inszenieren. Mode spricht von der Welt und erzählt ihr gleichzeitig, wer wir sind.
Jede:r Designer:in interpretiert eine Geste, eine Praxis, ein Material durch das, was sie oder ihn persönlich bewegt. Mode wird zu einem Medium der Sinneswahrnehmung, das Verschiebungen von Identität, Geschlecht, Sinnlichkeit, Erbe und Fantasie zum Vorschein bringen kann. Es ist kein Zufall, dass die Mode heute Generationen grenzüberschreitender Künstler:innen anzieht, die in ihr einen Raum für kollektive und persönliche Geschichten entdecken. Dabei geht es nicht mehr allein darum, ein Kleidungsstück zu entwerfen, sondern darum, ein ganzes Universum sichtbar zu machen.
In diesem Kontext entstand Diaspora Wonderland, eine Wanderausstellung, die verschiedene Modemetropolen bereist und eine Generation von Künstler:innen der afro-mediterranen Diaspora zeigt, die ihre Geschichten durch Mode erzählen. Kinder des Exils wachsen mit Erzählungen von zurückgelassenen Ländern auf, weitergegeben von Eltern, die selbst fern von diesen Orten und den Entwicklungen dort leben. Aus dieser Fragmentierung entstehen kraftvolle Fantasien, die weit über sie hinaus geteilt werden. So impliziert auch der Begriff Diaspora, aus dem griechischen speiro –säen, weit mehr als nur die Zerstreuung. Er steht für Bindung, Verwurzelung und Verwundung aber vor allem für den Akt der Schöpfung. Aus der Spannung des Exils zwischen Verlust und Neuerfindung entstehen Wunderländer: Gebiete, wo Identitäten, Wünsche und Erinnerungen ineinandergreifen. Durch Mode, Design, bildende Kunst, Musik und Geschichten nimmt uns Diaspora Wonderland mit auf eine Reise durch diese imaginierten Territorien, die reale Grenzen überwinden.
Die monumentalen Textilinstallationen, die Margaux Derhy in Zusammenarbeit mit Frauengemeinschaften in Marokko geschaffen hat, knüpfen eine Verbindungslinie zwischen durch das Meer getrennten Ufern. Sie beschwören die Gestalt ihrer Großmutter Lydia herauf – einer Frau, die am Rand der offiziellen Geschichtsschreibung blieb – und würdigen all jene im Verborgenen, die dazu beitragen, die Welt zu tragen. Eine gemeinsam mit einem Kollektiv von Amazigh-Frauen in Sidi R’bat gestickte schwebende Figur verkörpert die gespenstische Präsenz vergessener Frauen, deren Namen und Gesten selten aufgezeichnet wurden, die jedoch sowohl in Margaux Derhys Werk als auch in den Werken einer ganzen Generation von Künstler:innen nachwirken.
Der Rapper und Filmemacher NIX beschäftigt sich mit kulturellem Erbe, dem Platz der Liebe und der Bedeutung menschlicher Lebenswege. Worte werden zu visuellem und akustischem Material und erweitern die Erzählung um Bilder und Kleidungsstücke. Der in der Ausstellung gezeigte Kurzfilm wurde in einem Dorf im Senegal gedreht und markiert eine Bewegung des Rückzugs – eine instinktive Geste der Neuausrichtung. NIX isoliert sich in Casamance, auf dem Land seiner Vorfahren, um sich wieder mit seiner Spiritualität und Identität zu verbinden, die er als Quellen seiner Inspiration betrachtet. Dennoch bleibt eine Leere bestehen, als hinge ein wesentlicher Teil dieser Inspiration von einem fehlenden Fragment dieses Wunderlandes ab.

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Sarah Makharines Arbeit hinterfragt Intimität als Raum kollektiver Erzählung. Versunkene Körper, mütterliche Figuren und das Meer begegnen einander in Installationen, die Fragen von Überlieferung und Exil nachgehen. Eine Fotografie der im Meer schwimmenden Mutter der Künstlerin steht im Dialog mit einem Bild der Künstlerin selbst bei einem spirituellen Bad – der Mikwe. Diese rituelle Geste spiegelt ein spirituelles und kulturelles Vermächtnis wider, das von Mutter zu Tochter weitergegeben wird, so wie auch der Bezug der Künstlerin zur Mode – ebenfalls weitergetragen von ihrer Mutter, die in einem Textilgeschäft arbeitete.
Ihre enge Beziehung zu Körper und Material führte Sarah Makharine dazu, ihren künstlerischen Erkundungen in den Sphären der Modeindustrie nachzugehen. Die Bildserie endet mit Mariée du Kosovo, einer in Kosovo aufgenommenen Fotografie. Eine Braut in einem traditionell bestickten Kleid steht für eine grundlegende Dreifaltigkeit – die Mutter, das Meer, die Hochzeit – aus der die Künstlerin ein Bilduniversum entwickelt, das sich um Körper und Kleidung dreht. Die Figur der Braut verweist auf die Codes der Modenschau, in denen das Brautkleid traditionell den Abschluss und den Höhepunkt des Laufstegs markiert.
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Lotfi Aoulad



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Zunächst Anwalt, später Berater für öffentliche Politik – sein Werdegang ist geprägt von dem Wunsch, verschiedene Welten zu durchqueren: von den Vororten von Saint-Denis über internationale Institutionen bis hin zu selbstverwalteten Gemeinschaften im ländlichen Raum sowie zu Krankenhaus- und Gefängniseinrichtungen. Im Jahr 2024 wurde er nach einer einjährigen Ausbildung an der Maternité des Lilas als Doula für Geburtsbegleitung zertifiziert. Er ist Mitglied des Vorstands der Organisation Rêv'Elles. Außerdem war er Co-Direktor der Zeitschrift für mediterrane Literatur Nejma und unterstützt mehrere Initiativen in den Bereichen Kunst und Mode. Er ist Mitglied des Expertengremiums für den Modepreis der Arabischen Welt.
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